“Man muss Musik nicht immer bis ins letzte Wort verstehen.”

Joris ist aus der heutigen deutschsprachigen Pop/Rock-Szene nicht mehr wegzudenken. Wir konnten uns vor seinem Doppelkonzert mit Namika auf dem ZMF 2019 unter anderem über seinen Werdegang, seinen Jahresplan als Musiker und das Musikgeschäft an sich reden.

Wie bist du eigentlich zur Musik gekommen?

Ich glaube ehrlich gesagt ist die Musik zu mir gekommen in Form von meinem großen Cousin. Er war immer so etwas wie ein großer Bruder für mich. Ich erinnere mich noch daran als ich vier Jahre alt war und ich mit großen Augen vor seinen Augen gesessen bin. Er hat mir dann Sachen vorgespielt, Musik vorgespielt, mir verschiedene CD’s gezeigt. Danach musste ich dann unbedingt Schlagzeuger werden. Zu meinem 5. Geburtstag habe ich dann ein Schlagzeug geschenkt bekommen und damit angefangen, es zu spielen. Später mit 7 Jahren habe ich dann Klavier gelernt, dann kam das Gitarrenspielen dazu. Geschrieben und gesungen habe ich immer, ich habe quasi sehr, sehr früh sehr, sehr viel Musik um mich herum gehabt. Irgendwie hat mich das Tag und Nacht begleitet.

 

Wer sind deine musikalischen Vorbilder?

Ich habe viele Vorbilder gehabt. Einmal mein großer Cousin, dann glaube ich die Blues Brothers. Das war einer der ersten Filme, die ich gesehen habe und der gespickt ist mit wahnsinnig guten Musikern. Das hat mir damals schon unglaublich viel Motivation gegeben, wie ich live spielen und was man so alles machen kann. Damian Rice, Paul Notini, Mumford and Sons – es gibt viele Musiken, die mich geprägt haben.

 

Wie sieht denn dein Jahresplan als Musiker aus?

Meistens ist es so, dass im Herbst mit der Planung des Festivalsommers, in dem wir uns jetzt gerade befinden, begonnen wird. Dann hat man sozusagen ein Zeitfenster von April bis November, in dem dann die Festivals gebucht werden und man dann eigentlich fast jedes Wochenende unterwegs ist. Unter der Woche bin ich viel in Berlin und schreibe viel, bin aber auch oft unterwegs und schreibe dann dort in anderen Studios, im Moment gerade viel neue Musik. Ansonsten ist es einfach so, dass es sehr flexibel bleibt. In dem Moment wo man ein Album veröffentlicht – und ich habe erst zwei Alben veröffentlicht – gibt es dann auch eine Club-Tour dazu.

 

Was zeichnet einen Singer/Songwriter deiner Meinung nach aus und was unterscheidet ihn zu anderen Musikern und wie schwer fällt es dir manchmal, für einen Text die richtigen Worte bzw. die Inspiration zu finden?

Die erste Frage musst du wahrscheinlich ein Lexikon fragen, was da die genaue Definition von Singer/Songwriter ist, denn ich sehe mich persönlich nicht als Singer/Songwriter, sondern in erster Linie als Musiker. Zur Inspiration sowie den Texten und der Musik: Es ist natürlich so, dass mich sehr, sehr viele Dinge im Leben inspirieren, die es Wert sind, Musik darüber zu schreiben. Musik ist schon immer allgegenwärtig für mich gewesen und es gibt dann verschiedene Momente, wo ein Thema mich so sehr bewegt, dass ich anfange, darüber zu schreiben.

 

Hast du in der Vergangenheit schonmal was vom ZMF gehört?

Ich habe hier in der Vergangenheit schon einmal gespielt. Das war glaube ich 2016 mit Boy gemeinsam. Ich erinnere mich da an ein wundervolles, liebevoll gestaltetes Festival mit einem fantastischen Publikum in einem sehr, sehr heißen Zelt an dem Tag. Danach gab es draußen noch Flammkuchen. Es war alles sehr, sehr liebevoll. Es ist ein sehr gelungenes Festival mit einem langen Zeitraum, in dem es stattfindet und freue mich sehr, dass ich dieses Jahr wieder hier spielen darf. In dem Jahr war es dann auch das erste Mal damals, als ich von diesem Festival gehört habe.

 

Wie war deine bisherige Erfahrung mit Musikfestivals und welche hat dich im Nachhinein am meisten geprägt?

Ich glaube, dass kann man so nicht sagen. Gestern habe ich gemeinsam mit Bilderbuch und den Leoniden zusammen auf dem Sound of the Forest, einem kleinen Musikfestival mitten im Odenwald gespielt. Mitten im Konzert ist uns dann die Anlage ausgefallen. Im Nachhinein betrachtet war es einer der besten Dinge, die passieren konnte, weil wir dann quasi mit dem Publikum, mit den 6.000 Leuten zusammen Musik gemacht haben bis die Anlage wieder ging. Das war ein unfassbar besonderer Moment. Das war erst gestern, ich könnte dir jetzt unzählige Geschichten aufzählen. Natürlich nicht immer nur, wenn irgendwo etwas kaputt geht, sondern auch wenn irgendwo irgendwelche, ganz speziellen Sachen passieren, die einfach jedes Festival einzigartig machen. Dementsprechend freue ich mich auf heute Abend.

 

Vor der Abschaffung des Echo letztes Jahr gab es immer wieder die Debatte, die Musik sei zu stark kommerzialisiert und kleine Künstler wie jetzt beispielsweise die junge Indie-Band Razz hätten kaum eine Chance auf dem Markt. Wie stehst du dazu bzw. wie hart ist es deiner Meinung nach heutzutage im Musikgeschäft, sich durchzusetzen?

Ich glaube, dass heutzutage jeder viel, viel mehr denn je die Chance hat, Musik zu veröffentlichen, dank Spotify und dieser Streaming-Plattform auf YouTube, wo man beispielsweise ohne großes Budget seine Musik veröffentlichen kann. Das ist ein Riesenvorteil im Vergleich zu den 60er und 70er Jahren, wo riesige Plattenfirmen mit ganz, ganz viel Macht sich die Bands aussuchen konnten, die dann berühmt werden. Natürlich gibt es aber immer auch ein gewisses Interesse. Ich meine aktuell ist es so, dass der deutsche Hiphop sehr im Fokus steht. Es sei mal dahingestellt wie viel echt gestreamt und wieviel da gerade gepfuscht wird, dafür, dass dann gerade so viel Fokus darauf liegt. Ich glaube natürlich trotzdem, dass das große Interesse trotzdem da ist. Das heißt dann natürlich auch, dass der deutsche Pop/Rock, in dem ich jetzt zum Beispiel zu verbuchen bin, es aktuell schwierig hat als vor fünf, sechs Jahren. Es gibt immer wieder bestimmte Wellen, wo dann auch bestimmte Arten von Musik wieder im Fokus sind. Du hast auch das Beispiel mit Razz genannt, das ist eine fantastische Band, mit denen wir auch schon letztes Jahr beim Deichbrand gespielt haben. Die spielen sehr, sehr große Festivals und sind sehr, sehr glücklich, dass sie so viel unterwegs sein dürfen.

 

Wenn du die Möglichkeit hättest, mal außerhalb von Deutschland oder Europa zu touren, wo würdest du dann am liebsten mal gerne auftreten?

Ich würde natürlich am allerliebsten mal in den Staaten touren, weil da sind die großen Idole, die großen Vorbilder und die großen Welttourneen, die man so kennt. Dann sind da auch die riesigen Hallen und Stadien in den USA, aber auch das ganze Tourleben dort, da ist die Fläche einfach viel größer. Das wäre schon einmal ein Traum, überall auf der Welt Konzerte zu geben, wie es die ganz großen Weltbands machen, das ist natürlich ein wahnsinniges Ding. Das wäre irgendwann vielleicht einmal sehr, sehr schön, aber ich glaube, dass es aufgrund der deutschen Sprache etwas limitiert ist. Aber auch hier gibt es sehr, sehr viel zu sehen. Ich habe in Belgien gespielt, in den Niederlanden und Luxemburg. Wir haben auch sehr viele deutschsprachige Regionen über Deutschland hinaus. Ich glaube Musik muss man nicht immer bis ins letzte Wort verstehen, man kann nämlich sehr viel spüren und dadurch verstehen.

 

Wenn du jetzt Programmchef vom ZMF wärst, welche Band / welche*n Künstler*in würdest du buchen und warum?

Gerade gestern Abend wieder gesehen: die Leoniden. Die würde ich auf jeden Fall buchen, aus dem Grund einfach weil sie jedes Mal einen unfassbaren Abriss machen wenn sie spielen. Ich würde Haller buchen, ein toller Musiker, der viel zu wenig Fokus bekommt. Zudem würde ich Boy mal wieder buchen, mit denen ich das letzte Mal hier gespielt habe. Die sind wahnsinnig sympathisch und machen schöne Musik. Ich glaube, das wäre das beste Line-Up, was es hier je gegeben hat. Für dich würde ich auch auf jeden Fall natürlich Razz buchen (lacht).