John Brown – Terror für die Freiheit

Staatsgefährdender Terrorismus ist illegitim; Gewalt kein Mittel zur Durchsetzung politischer Überzeugungen. Natürlich. Doch was ist, wenn der Staat selbst den Terror ausübt? Was, wenn ein unmenschliches System der Gewalt staatlich toleriert Millionen von Menschen brutal unterdrückt und in Ketten hält? Ist dann gewaltsamer Widerstand, selbst mit geringen Erfolgsaussichten und eventuell unbeteiligten Opfern, womöglich ein legitimer, ja notwendiger Akt der Befreiung? Dies ist die Geschichte eines Mannes, dessen Leben unabdingbar mit dieser Frage verbunden bleibt. Sein Name: John Brown. Seine Mission: Nieder mit der Sklaverei!

Am Abend des 16. Oktobers 1859, der später in die amerikanische Geschichte eingehen wird, dringen 21 Bewaffnete in das kleine Städtchen Harpers Ferry im äußersten Norden Virginias ein. Auf einer Landzunge am Zufluss des Shenandoah in den Potomac gelegen, bildet der Ort den idealen Standort für das Arsenal und die Waffenschmiede der US-Armee, die primäres Ziel der Angreifer sind. Anführer des Trupps ist ein hagerer, älterer Mann, mittelgroß, das ledrige Hakengesicht beinahe ganz hinter einem weißen Vollbart verborgen: John Brown. Grimm entschlossen erteilt er seinen Männern Anweisungen. Sie folgen ihm routiniert; die Aktion ist von langer Hand geplant. Schnell nehmen sie die zwei Brücken sowie das Arsenal ein und schaffen es, alle Wachen gefangen zu nehmen, ohne dass ein einziger Schuss fällt. Überrascht verlangen die Geiseln eine Erklärung. Browns Antwort: „I came here from Kansas, and this is a slave State. I want to free all the Negroes in this State; I have possession of the United States armory, and if the citizens interfere with me I must only burn the town and have blood.” Schon zuvor hatten die Angreifer die Telegraphenleitungen nach Harpers Ferry gekappt. Die Stadt ist, ohne dass es die schlafenden Bewohner mitbekommen, schnell in der Hand der Angreifer. Brown scheint zufrieden; sein Plan geht auf. Sechs seiner Leute, nicht zufällig drei Schwarze und drei Weiße, schickt er los. Sie sollen die umliegenden Farmen attackieren, die dortigen Sklaven bewaffnen und ihre ehemaligen Herren als Geiseln mit zurück in die Stadt bringen. Dann, so die Hoffnung, werden die Sklaven zu Hunderten aus der Umgebung nach Harpers Ferry strömen und sich dem Sklavenbefreier anschließen. Daraufhin gilt es, rasch in die naheliegenden Blue Ridge Mountains zu entkommen, um die Revolte anschließend südwärts zu tragen, ins Herz des verhassten Sklavenregimes, bis dieses, so Gott will, endgültig von Hand der dann tausenden und abertausenden ehemaligen Sklaven fällt: ein kühnes Unterfangen, mit unabsehbaren Erfolgsaussichten. Einige Stunden später kehren Browns Männer zurück, mit ihnen einige befreite Sklaven und mehrere Geiseln. Unter diesen ist auch ein Urgroßneffe George Washingtons, nun bewacht von seinen Sklaven. Diese Symbolik hat der Patriot Brown nicht zufällig gewählt. Er ist zufrieden. Ruhig harrt er der Sklaven, die da kommen sollen. Alles verläuft nach Plan.

 

John Brown’s effort was
peculiar. It was not a slave
insurrection. It was an
attempt by white men to get
up a revolt among slaves

Abraham Lincoln 1860

 

Die meiste Zeit seines Lebens war John Brown kein Terrorist. Geboren wurde er am neunten Mai 1800 als viertes von acht Kindern des Gerbers Owen Brown und seiner Frau Ruth. Sein Vater war überzeugter Calvinist und erzog seine Kinder streng christlich. Der frühe Tod der Mutter prägte den erst achtjährigen John enorm und festigte seinen ohnehin tiefen und unerschütterlichen Glauben. Die Überzeugung, dass Gott einen Plan für ihn habe, dass alle Widrigkeiten, die das Leben bereithalte, nur notwendige Prüfungen seines Schöpfers seien, verließ John Brown niemals. Oft sollte er später von sich als bloßem Werkzeug Gottes sprechen. So in
der Frontier Ohios zu einem willensstarken, eifrigen, gelegentlich aber auch naiven Calvinisten erzogen, machte sich John Brown auf in die Welt. In vielen Berufen versuchte er sich, in keinem war er erfolgreich. Gerber, Wollhändler, Farmer, Landinspekteur: eine selbst für die damalige Boom-and-Bust-Wirtschaft der USA ungewöhnlich hohe Zahl an gescheiterten Firmen und ausstehenden Geldzahlungen pflasterte den Weg Browns. Seinen Optimismus verlor er dennoch nie und stürzte sich immer wieder in neue Ideen. Er war ein Mann, der sich einer Sache stets voller Eifer hingab. In seinem unruhigen und rastlosen Leben bildeten die Familie, die Religion und der Abolitionismus die wenigen Konstanten. Insgesamt 20 Kindern war Brown, der nach dem Tod seiner ersten Ehefrau im Kindbett rasch erneut heiratete, ein strenger, aber dennoch liebevoller und fürsorglicher Vater, wenngleich er ob seiner wirtschaftlichen Unternehmungen nur selten bei seiner Familie weilen konnte. Neun der Kinder starben bei der Geburt oder in früher Kindheit – Schicksalsschläge, die Brown wie schon den Tod seiner Mutter tief traurig, aber letztlich als unabdingbaren Willen Gottes hinnahm. Nach dem Tod seiner Tochter Amelia schrieb der abwesende Vater an seine Familie: „This is a bitter cup indeed, but blessed be God a brighter day shall dawn.“

Auch sonst war die Religion tief in ihm verwurzelt. Zwar nicht umfassend gebildet, doch in gewissen Themen durchaus belesen und definitiv wortgewandt beeindruckte er Fremde immer wieder durch seine spontan vorgetragenen Laienpredigten. Auch wenn er sich mehr und mehr von der Amtskirche entfernte und in den 1840er Jahren schließlich gänzlich mit ihr brach, bildete die Religion doch einen Ankerpunkt seines Lebens. Er tolerierte weder Flüche noch Alkoholkonsum in seiner Gegenwart, betete täglich und verweigerte es, am heiligen Sonntag Besucher zu empfangen. Immer waren die Browns entschiedene Gegner der Sklaverei. Wohin es ihn auch trieb, John Brown engagierte sich stets für die abolitionistische Sache. Schon als Junge war er davon überzeugt, dass die Sklaverei ein unmenschliches Übel darstellte, einen Affront gegen die gottgegebene Gleichheit der Menschen. Sein Haus war stets, wie schon das seines Vaters, eine sichere Station der sogenannten Underground Railroad, ein System von geheimen Stützpunkten, die entflohene Sklaven auf ihrem Weg ins freie Kanada unterstützten. In North Elba, NY, lebten die Browns in den 1850er Jahren in einem gemischten Siedlungsprojekt mit freien Schwarzen zusammen. Eine Idee ganz nach Browns Geschmack.

 

 

Zwei Dinge jedoch unterschieden Brown von der sich herausbildenden christlichen Abolitionistenbewegung seiner Zeit: zum Einen ein erstaunlicher Mangel an Rassismus. Brown sah Schwarze als seine ebenbürtigen, christlichen Brüder und Schwestern, denen gleiche Rechte als Bürger natürlich zustanden.
Separierungs- und Kolonisationspläne, welche auch unter Abolitionisten verbreitet waren, lehnte er rigoros ab. Ein Besucher auf seiner Farm in North Elba notierte überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit Brown seinen schwarzen Gästen dieselbe Höflichkeit zuteilwerden lies wie seinen weißen. Zum Anderen lehnte Brown Gewalt als Mittel zur Durchsetzung seiner Ziele nicht prinzipiell ab. Den christlich konnotierten Pazifismus vieler Abolitionisten teilte er nicht. Getrieben von gerechtem Zorn und der christlichen Pflicht, der Sünde nicht tatenlos zuzusehen, stellte er sich der Sklaverei mit ausdrücklich allen Mitteln entgegen. Die Sklavenhalter durch gutes Zureden von der Sündhaftigkeit ihres Tuns zu überzeugen, das war Browns Sache nicht. Symptomatisch sein Ausruf bei einer Abolitionistenversammlung 1859: „Talk! Talk! Talk! That will never free the slaves. What is needed is action. Action!“. Brown identifizierte sich stark mit den erbärmlichen Bedingungen der Sklaven und machte es sich zur Lebensaufgabe, sie unter allen Umständen in die Freiheit zu führen. Seine Methoden hierbei waren zweifelsohne radikal. Weltliche Gesetze konnten ihn, der sich im göttlichen Recht sah, sicherlich nicht stoppen.

 

A man of ideas and
principles, that was what
distinguished him
Henry David Thoureau 1859

 

In ihm reifte ein Plan, radikal und riskant, aber doch unbedingt notwendig. Brown wollte die Freiheit der geknechteten Sklaven des Südens an der Seite der Sklaven selbst erkämpfen. Wie das gelingen konnte, hatte 1831 der Sklavenaustand Nat Turners gezeigt: ein entschlossener Anführer und eine Guerillataktik, die sich das unwegsame Gelände zum Vorteil machte, mehr brauchte es nicht, um das Schreckgespenst der Sklavenrebellion durch die Südstaaten wandern zu lassen. John Brown war fasziniert. Dass er selbst es war, dem Gott die Führung dieser Revolte zugedacht hatte, stand für den gläubigen Calvinisten außer Zweifel. Schon früh machte er den Startpunkt
seines revolutionären Zuges durch die Südstaaten aus: Harpers Ferry, strategisch wertvoll und symbolisch unschlagbar. Viele, denen er seinen Plan vorstellte, reagierten ablehnend, bezeichneten ihn gar als verrückt. Dass Brown seine Pläne nicht aufgab, ist wohl nur seiner enormen Willensstärke sowie seinem unerschütterlichen Glauben zuzuschreiben, er, John Brown, sei Gottes Werkzeug zur endgültigen Zerschlagung der Sklaverei in den vereinigten Staaten.

In Harpers Ferry gerät das Unterfangen ins Stocken. Während Browns Leute beginnen, die erbeuteten Waffen abzutransportieren, um die Flucht vorzubereiten, zeigen sich erste Risse im Plan. Um Mitternacht soll der Wachposten auf der Potomac-Brücke abgelöst werden. Sein Nachfolger erkennt die Situation rechtzeitig, kann fliehen, und schlägt in einem Wirtshaus außerhalb der Stadt Alarm. Browns Überfall ist nun nicht mehr unbemerkt. Ein Zug, welcher um 1.25 Uhr in Harpers Ferry eintrifft, wird gewarnt, bevor er die Brücke überquert. Die Besatzung
geht hinaus auf die Brücke und versucht, die Situation zu erkunden. Sofort werden sie von Browns Leuten unter Feuer genommen. Der erste Tote der Revolte zur Freiheit des schwarzen Mannes ist ein Schwarzer: Der freie Gepäckträger Shephard Hayward wird im Kugelhagel getroffen und stirbt wenig später.

Ein anderes Problem bedroht Browns Plan noch fundamentaler. Nur wenige Sklaven kommen, um sich der Revolte anzuschließen, bloß eine Hand voll freiwillig. Die euphorischen Bataillone, die nur darauf warten, von John Brown befreit und in den Kampf geführt zu werden, bleiben aus. Sie existieren nur in seiner Phantasie. Die meisten der wenigen Sklaven, die man mit ihren nun gefangenen Herren nach Harpers Ferry gebracht hat, sind verwirrt,
ängstlich und unsicher, ob dem unbekannten, weißen Mann zu trauen ist. Warum kämpfen und töten, wenn man sich doch nicht sicher sein kann, was der Alte wirklich bezweckt. Einige legen sich einfach schlafen und hoffen auf ein schnelles Ende der verzwickten Situation, andere wollen nicht Teil der Revolte sein und nutzen im Laufe der Nacht die sich bietenden Gelegenheiten zur Flucht. Der Revolution laufen ihre wenigen Kinder davon.

Gegen drei Uhr ist ein Großteil der Waffen abtransportiert. Noch ist es dunkel und nennenswerter Widerstand hat sich nicht gebildet. Wenn die Revolutionäre eine Chance haben wollen, ihren waghalsigen Plan fortzuführen, müssen sie sich jetzt zurückziehen, ansonsten wird die Landzunge von Harpers Ferry zur Falle. Doch John Brown bleibt. Er wartet auf die Sklaven, deren Kommen er nicht in Frage stellen will. Dem Zugführer, der immer noch an der Brücke steht, bietet Brown unterdessen freie Durchfahrt an. Doch dieser bleibt misstrauisch und will nicht fahren, solange er die Lage in der Stadt nicht überblicken kann. Er wartet bis zum Morgengrauen und setzt dann die Fahrt fort. Die Abolitionisten harren stur weiter aus. Wertvolle Stunden, die sie zum unauffälligen Rückzug nutzen könnten, verstreichen. Jetzt beginnt das Blatt, sich zu wenden. Die Zeit läuft gegen John Brown und seine
Männer.

Der Zugführer telegraphiert um 7.05 Uhr aus Monocacy nach Baltimore und informiert den dortigen Transportmeister über die Situation in Harpers Ferry. Nach anfänglichen Zweifeln handelt dieser rasch und informiert die Behörden: Präsident Buchanan und Virginias Gouverneur Wise. Der kleine Überfall im Norden Virginias ist endgültig auf der nationalen Bühne angekommen. Zeitgleich erwacht die Stadt bei Sonnenaufgang zum Leben. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht vom Überfall in der Umgebung. Milizen, die sich teils spontan zusammengefunden haben, eilen an den Potomac. Die Scharmützel an den Brücken werden schnell intensiver und Browns Männer müssen diese schließlich aufgeben. Die gesamte Landzunge mit seinen wenigen Männern gegen massiven Widerstand halten zu wollen, erweist sich als illusorisch. Als der äußerst wütende, aber schlecht ausgestattete Mob, unterstützt von den Milizen, zum Sturm auf das Arsenal ansetzt, in das sich die Abolitionisten zurückgezogen haben, kommt es zu einem blutigen Feuergefecht. Die Angreifer werden vorerst zum Rückzug gezwungen. Sie erwarten Verstärkung. Auch auf Seiten der Revolutionäre gibt es erste Verluste. Erneut ist es ein Afroamerikaner, der als erstes stirbt: Dangerfield Newby, ein ehemaliger Sklave, der seine Familie aus der Sklaverei befreien wollte. Nun liegt er tot im Staub der Straße. Die Schusswechsel werden immer unerbittlicher und mehrere Männer beider Seiten werden geradezu massakriert. Brown spürt, dass sich die Situation zuspitzt und verlegt seine Männer mit den Geiseln in das leichter zu verteidigende Maschinenhaus, ein kleiner Backsteinbau mit drei schweren Eichentüren. Die Männer verschanzen sich und warten auf die Befehle des Anführers. Ihm ist klar, dass es nun kein Entkommen mehr gibt. John Brown bereitet sein letztes Gefecht vor. Er will für seine Sache sterben.

 

 

Die Sklaverei spaltete die USA seit jeher in Nord und Süd. Damit der tiefliegende Konflikt, welcher durch die ständige Westexpansion stetig neu auf die Tagesordnung rückte, nicht dauerhaft die Funktion des politischen System bedrohte, wurde 1820 der Missouri Compromise geschlossen und der 36° 30‘ Breitengrad zur Grenzlinie der Sklaverei erklärt. In den free states nördlich war die Sklaverei verboten, in den slave states im Süden wurde sie prak- tiziert. Die Ausnahme bildete der nördlich liegende slave state Missouri. Das sich hieraus ergebende fragile Gleichgewicht wurde 1854 durch den KansasNebraska-Act aufgehoben, welcher popular souvereignity, also eine einfache Abstimmung über die Sklavenfrage in den jeweiligen Gebieten, als neue Zauberformel präsentierte. Die Folge war ein massiver Zuzug von radikalen Befürwortern der Sklaverei, zumeist sogenannte border ruffians aus dem nahen Sklavenstaat Missouri, nach Kansas. Ihr Ziel war es, auch hier die Sklaverei durchzusetzen. Daraufhin
machten sich auch zahlreiche Gegner der Sklaverei aus dem Norden auf nach Westen, von dem Willen getragen, den 36. Breitengrad unter allen Umständen als Nordgrenze der Sklaverei aufrechtzuerhalten und Kansas als freien Staat in die Union zu führen. Ein regelrechter Bürgerkrieg entbrannte, gefochten mit teils brutalsten Mitteln, wild und
unkontrolliert, jenseits jeglicher Kontrolle der Regierung im fernen Washington. Kansas blutete.

Auch John Brown tauchte im Herbst 1855 in Kansas auf, nachdem er seine Harpers-Ferry-Pläne vorübergehend begraben hatte. Hier schwang er sich zum Anführer einer 26 Mann starken Gruppe Abolitionisten, darunter drei seiner Söhne, auf und nahm mit ihnen an mehreren Scharmützeln teil. Nachdem Lawrence, die Hauptstadt des freien Kansas, von Sklavereibefürwortern eingenommen worden war, sah John Brown die Zeit gekommen, die
Entschlossenheit und Wehrhaftigkeit der Sklavereigegner zu beweisen. In der Nacht vom 22. Auf den 23. Mai 1856 drangen Brown, seine Söhne und weitere Mitstreiter in die Häuser von bekannten Sklavereibefürwortern am Pottawatomie-Bach ein und entführten die Männer vor den Augen ihrer Familien. Außerhalb wurden die Opfer auf brutalste Weise mit Schwertern zerstückelt; ein brutales und hinterhältiges Massaker. Brown führte zwar nicht
selbst die Klinge, leitete und überwachte die Aktion allerdings. Dieses sogenannte Pottawatomie-Massaker war selbst für die Verhältnisse in Kansas eine außergewöhnlich blutrünstige Attacke und heizte den Konflikt nochmals an. Die Sklavereibefürworter tobten und begannen mit erhöhter Intensität die nun ebenfalls angestachelten Abolitionisten zu bekämpfen. Die unfassbare Brutalität fand auch im Norden nicht nur Zustimmung. Selbst Browns Familie zweifelte. Als Jason Brown seinem Vater die abstoßende Brutalität der Tat vorwarf, erwiderte dieser: „God is my judge. It was absolutely necessary as a matter of self-defense, and for the defense of others.”

Die Tat legte den Grundstein für Browns nun fast legendären Ruf. Ein Mann mit Überzeugungen und dem Mut, für diese einzustehen, koste es, was es wolle. Die sich bis in den Herbst 1856 hinziehende, erfolglose Jagd der Sklavereibefürworter auf John Brown stärkte letztlich nur noch diesen Mythos.

Bald verließ er Kansas wieder, um, wie er später bekannte, „Kansas work“ im Süden zu verrichten. Er war nun professioneller Revolutionär: sein alter Harpers-Ferry-Plan sollte endlich umgesetzt werden. Doch Terror war ein teures Geschäft und eine direkte Umsetzung nicht möglich. Browns charakteristische Entschlossenheit, unabdingbar seinen Weg zu gehen, zeigte sich in den kommenden Jahren ganz besonders. Rastlos reiste er durch die Nordstaaten, versuchte Gelder und Waffen aufzutreiben, suchte Männer aus, verfeinerte fieberhaft den Plan und schrieb sogar eine christlich-verbrämte provisorische Verfassung für die von ihm zu erobernden Territorien. Osawatomie-Brown, wie er nun nach einem Schlachtort in Kansas unter Abolitionisten bekannt und auch berüchtigt war, traf unter anderem die bekannten Abolitionisten Frederick Douglass und William Lloyd Garrison, sowie die Philosophen Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau. Seine Überzeugungskraft war seine stärkste Waffe in dieser Zeit: nach einem letzten Treffen mit Douglass, in welchem dieser erfolglos versuchte Brown von dessen Entschluss abzubringen, zeigte sich sein Begleiter Shields Green, ein entflohener Sklave, tief beeindruckt von dem entschlossenen Revolutionär und bekannte gegenüber Douglass: „I b’leve I’ll go wid de ole man“. Er sollte in Harpers Ferry sterben. Nach drei Jahren der Vorbereitungen war Brown im Sommer 1859 bereit. Ein letztes Mal besuchte er seine Familie in North Elba. Im Juli mietete er unter dem Pseudonym Isaac Smith mit seinen Männern die Kennedy Farm in Maryland. Am Abend des 16. Oktobers, ein Sonntag, rief er seine Männer in das Farmhaus und betete mit ihnen. Dann machten sie sich auf den Weg nach Süden, die Sklaverei zu beenden.

 

A misguided, wild, and
apparently insane, though
disinterested and well
intended effort
William Lloyd Garrison 1859

 

Die Gefechte um das Maschinenhaus in Harpers Ferry, nun völlig von den Milizen und dem zornigen, mittlerweile teils stark alkoholisierten Mob, belagert, kommen am Abend zum erliegen. Alle wissen, dass es sich nur um ein letztes Atemholen vor dem finalen Schlag handelt. Um elf Uhr abends treffen neunzig Marines unter dem Kommando des damaligen Colonels und späteren Generals Robert E. Lee in Harpers Ferry ein. John Brown schwört seine Leute unterdessen auf das letzte Gefecht ein. Nach wie vor unbedingt von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt treibt er seine erschöpften Männer an, den Kampf entschlossen und furchtlos anzugehen. Sie harren die Nacht aus und warten auf Lee. Im Morgengrauen beginnt die Attacke. Lee schickt einen seiner Männer vor, scheinbar um zu verhandeln. Auf ein verabredetes Zeichen hin stürmt Lieutenant Green mit einem Dutzend Männer auf das Maschinenhaus zu. Mit Vorschlaghämmern schlagen sie ein Loch in eine der massiven Türen. Green stürmt als erster in das dunkle, enge Maschinenhaus. Von der Geisel Washington mit dem Ruf „This is Osawatomie!“ gelenkt stürzt er sich den Säbel voran auf Brown. Wie durch ein Wunder stirbt dieser nicht. Mehrere Hiebe Greens
gegen seinen Kopf können ihn nur außer Gefecht setzen, aber nicht töten. Browns andere Männer haben weniger Glück. Mehrere von ihnen werden niedergemacht, während sie sich zu ergeben versuchen. Die Geiseln werden befreit – hungrig, durstig und übel mitgenommen, aber unversehrt. Die Waffen schweigen. 17 Männer sind gestorben. Der Überfall auf Harpers Ferry ist endgültig gescheitert.

Wäre John Brown während seiner tollkühnen Attacke gestorben, vielleicht wäre er eine Fußnote der amerikanischen Geschichte geblieben. Ob als skrupellosen Terroristen oder als heroischen Freiheitskämpfer, an John Brown hätten sich nur wenige erinnert. Doch sein unverhofftes Überleben ermöglichte es ihm, seinen kolossal gescheiterten Plan
doch noch in einen Erfolg zu verwandeln. Aus dem abolitionistischen Terroristen wurde ein christlicher Märtyrer.

 

This old man Brown was
nothing more than a
murderer, a robber, a thief,
and a traitor
Andrew Johnson 1859

 

Schnell ließ man den Prozess beginnen, noch schneller wieder enden. Zwischen Prozessbeginn und der Vollstreckung des Todesurteils lagen kaum sechs Wochen. Doch dies war mehr als genug Zeit für den Angeklagten. Es sind diese wenigen letzten Wochen im Leben des John Brown, die seine historische Bedeutung konstituieren. Presse und Politik im Süden tobten und forderten die schnelle Hinrichtung des Hochverräters. Der Richmond Whig fasste die allgemeine Auffassung des Südens in dem schlichten Satz „The miserable old traitor and murderer belongs to the gallows“ zusammen. Nach anfänglichem Zögern ob der Ungeheuerlichkeit der Tat, solidarisierten sich jedoch durchaus überraschend weite Teile der Presse im Norden mit Brown, der es explizit ablehnte, sich als verrückt darstellen zu lassen und stattdessen den Prozess konfrontativ als ein Mittel des abolitionistischen Kampfes nutzte. Die Briefe aus der Haft, an seine Familie adressiert, aber für die Öffentlichkeit geschrieben, waren neben den dramatischen Auftritten vor Gericht effektive Instrumente dieser sorgsamen Inszenierung. Plötzlich erreichte Brown mit seinen vormals radikalen Positionen Menschen weit über die abolitionistischen Zirkel hinaus. Er hatte seine neue Rolle gefunden und spielte sie konsequent. An seinen Bruder schrieb er: „I am worth inconceivably more to hang than for any other purpose.” Seine schon immer beeindruckende Redegewandtheit und das vielfach abgedruckte Bild des noch immer verwundeten und vor Gericht auf einer Pritsche liegenden Brown schufen den Märtyrermythos. Dass Brown eigentlich Angeklagter und Täter in der Sache war, trat schnell in den Hintergrund. Er
selbst klagte an: „I should forfeit my life for the furtherance of the ends of justice, and mingle my blood further with the blood of my children and with the blood of millions in this slave country whose rights are disregarded by wicked, cruel, and unjust enactments, I say let it be done.”

Die Rolle des Märtyrers lag Brown und er spielte diese fast schon mit Freude. Sich selbst mit dem Apostel vergleichend schrieb er: „I think I feel as happy as Paul did when he lay in prison.“ Und einem Reporter versicherte er auf die Frage, ob er zu sterben bereit sei: „I am entirely ready. I feel no shame on account of my doom. Jesus of Nazareth was doomed in like manner. Why should not I be?” Der Prozess polarisierte das ohnehin gespaltene Land. Es ist nicht zu viel gesagt, dass das gigantische Misstrauen gegenüber dem Norden, welches den bald folgenden Austritt der Südstaaten aus der Union bedingte, hier einen seiner Hauptausgangspunkte nahm.

 

 

Am zweiten Dezember 1859 wurde John Brown um 11.15 Uhr gehängt. Seine Rolle spielte er bis zum Schluss. Noch am Morgen seiner Hinrichtung reichte er einem Wärter einen handgeschriebenen Zettel: “I John Brown am quite certain that the crimes of this guilty, land: will never be purged away; but with blood. I had as I now think: vainly flattered myself that without verry much bloodshed; it might be done.” Er sollte Recht behalten.