freibuch | Verdammte Scheißleben!

Andreas Altmanns Jugenderfahrungen sind exzellente Lektüre für all jene, die etwas über Hass, Verachtung, Trotz und Widerspenstigkeit lernen wollen. Sie erzählen von dem verdammten Glück einer dreckigen Scheißjugend entkommen zu sein. Eine Leseempfehlung.

Man kann ihn gar nicht oft genug sagen: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend. Diesen Titel hat der eigentlich als erfolgreicher  Reisereporter bekannte Andreas Altmann seiner Autobiographie vorrangerotzt und diese damit gekrönt. Ein Buch voller Hass, zusammengefasst in einem herrlich unorthodoxen und wüsten Titel.

Andreas Altmann erzählt aus seiner Jugend im bayerischen Wallfahrtsort Altötting; aus einer Jugend, die er selbst eine Scheißjugend nennt. Keinen einzigen Namen hat er in seinem Opus geschwärzt oder anders unkenntlich gemacht. Wen Altmann anklagt, so schreibt er voller Trotz und Stolz, dessen Namen nennt er frei von Furcht. Altmann verschweigt nichts. Er erzählt und hasst rücksichtslos: Von der eigenen Mutter, die eine Tochter wollte und Andreas bei seiner Geburt schon ablehnte, über den verlogenen Wallfahrtsort Altötting, in dem Andreas zwischen schlagenden Lehrern, pädophilen Pfarrern und bigott zur Schau gestellter Frömmigkeit aufwächst, zum eigentlichen Antagonisten dieser Erzählung: Franz Xaver Altmann, Andreas‘ Vater. Dieser war als junger Mann schwer traumatisiert aus dem Krieg zurückgekehrt und hatte den heimischen Rosenkranzhandel übernommen. In Altötting war er als Rosenkranzkönig bekannt. Während er nach außen die Fassade eines geachteten Bürgers zu wahren versteht, terrorisiert er zu Hause die eigene Familie. Verbittert und voller Hass demütigt und schikaniert er alle Menschen in seinem Umfeld. Seine unterbezahlten Angestellten fürchten ihn und fliehen. Seine Frau liebt ihn nicht mehr, isoliert sich erst und flieht dann auch. Doch sie ist zu schwach und weder willens noch fähig, ihre Söhne Andreas und Manfred vor dem Vater zu schützen. Dieser schlägt und misshandelt sie. Die Brüder sind seinem strikten Regiment unterworfen und können nicht entkommen. Sie sind zu dieser Scheißjugend verurteilt.

Und so ist Altmanns Geschichte auch die Geschichte eines lange aussichtslosen Kampfes gegen seinen Vater. Diesen gewinnt Andreas am Ende, er entflieht seiner verhassten Heimat und findet seine Bestimmung nach jahrelanger Suche im Schreiben. Er erkundet die Welt und verfasst preisgekrönte Reisereportagen. Doch mit seiner Jugend hatte er trotzdem noch nicht abgeschlossen.

Diese verdammte Scheißjugend hat in Andreas Altmann gegoren. Lange habe er gewartet, so gibt er in einem Interview zu, bevor er die Geschichte mit dem nötigen Rotz zu Papier bringen konnte. Sie sollte nicht weinerlich geraten. Und Rotz ist vielleicht kein schlechter Ausdruck für den Grundton dieses Buches. Oberflächlich betrachtet scheint Altmanns Erzählung selbstmitleidig. Notwendigerweise, denn die Geschichten, die Altmann erzählt, sind nichts für schwache Nerven. Es sind Geschichten einer ständigen Opferrolle, von Vernachlässigung, Gewalt, Einsamkeit, fehlendem Urvertrauen und dem Gefühl, nichts wert zu sein und von keinem geliebt zu werden. All das erlebt in einer einzigen Jugend.

Dennoch will der Autor nicht bemitleidet werden. Es ist, bei allem Leid, auch eine Erfolgsgeschichte, von der er berichtet. Altmann erzählt, wie er es schaffte, trotz allem im Leben anzukommen und der Hölle Altöttings zu entfliehen. Er erzählt vom Widerstand, von kurzen Glücksmomenten der Befreiung, von heimlich gerauchten Zigaretten und geschwänzten Schulstunden. Allerdings lange überschattet vom schier ewigen Kampf gegen seinen Vater, seine Familie, seine Stadt und seine ganze Welt. Er bleibt rotzig, Andreas Altmann, das lässt der Autor das verhasste Altötting wissen, ist kein gebrochener Mensch. Er will nicht versöhnen, er will triumphieren. Lange hat er gekämpft, oft verloren und am Ende dennoch gewonnen. Hier rechnet jemand ab, herrlich selbstgerecht und gnadenlos. Und so ist Altmanns Erzählung nicht nur eine Rückkehr, sondern auch ein fulminanter, befreiender Abschluss mit seiner Jugend.

 

Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend, Piper Verlag, München 2011.