freibuch | Eine Welt von Gestern

In Tohuwabohu erzählt Samuel Gronemann von der beachtlichen Vielfalt des europäischen Judentums um die Jahrhundertwende. Hier lässt sich eine faszinierende und heute leider meist vergessene Welt wiederentdecken. Eine Leseempfehlung.

Eigentlich ist es eine klassische Frage. Was sind diese Juden denn nun? Eine Religion? Ein Volk? Tausendfach gestellt harrt diese Frage doch bis heute einer präzisen Beantwortung und dass die Antwort sicherlich nicht eindeutig ausfallen kann, erscheint offensichtlich. Auch Samuel Gronemann, ein deutscher Jude – und schon in dieser Bezeichnung ist die Strittigkeit der oben aufgeworfenen Frage zu greifen – aus Hannover hat sich Zeit seines Lebens in seinem künstlerischen Schaffen als Autor und Humorist mit dieser Frage auseinandergesetzt, deren Antwort er letztlich in der zionistischen Bewegung und der Auswanderung nach Palästina suchte. In seinem Erstlingswerk Tohuwabohu ist sie unterschwellig schon präsent. Gronemann zeigt die überwältigende Vielfalt der Antworten auf, die seine Zeitgenossen auf diese Fragen gesucht und wohl auch gefunden haben. Er eröffnet seinen Lesern die Welt des europäischen Judentums, wie sie einstmals in tausenden faszinierenden und höchst unterschiedlichen Facetten existierte. Ganz nebenbei wirft er dabei hoch aktuelle Themen wie Gruppenzugehörigkeiten, Migrationserfahrungen und Identitätskonflikte auf und zeigt deutlich, dass diese bei weitem älter sind, als unsere geschichtsvergessene Gegenwart oft zugeben will.

Versinnbildlicht werden diese Konflikte beispielsweise anhand der Familie Levsen, vormals Levysohn. Um endgültig in den höchsten Kreisen der Gesellschaft akzeptiert zu werden und auch um seine eigene Beamtenlaufbahn als Gerichtsrat voranzubringen, setzt Familienvater Adolph gänzlich auf Assimilation. Er lässt die Familie taufen, ändert den Familiennamen, schickt seine mit eindeutig teutonischen Namen ausgestatteten Kinder Else und Heinz zum Konfirmationsunterricht und versucht alles Erdenkliche, die jüdische Herkunft seiner Familie vergessen zu machen. Doch bleibt dies eine Sisyphusarbeit: Ständig und wie es scheint unvermeidlich wird er wieder auf seine jüdische Herkunft reduziert. So kriegt er beispielsweise beim Versuch, Else in die besseren Kreise Berlins zu verheiraten, die kalte Ablehnung der feinen Gesellschaft deutlich zu spüren, auch wenn diese ihm gegenüber kaum artikuliert wird. Levsen bleibt Levysohn.

Sohn Heinz wiederum, ebenfalls am Anfang einer Juristenkarriere, kann den Bemühungen seines Vaters zunehmend wenig abgewinnen und beginnt, sich der ihm eigentlich fremden vormaligen Religion seiner Familie zuzuwenden. Dies führt ihn mitten hinein in die wilde Welt des jüdischen Berlin der Jahrhundertwende, in dem er sich mit allen Facetten jüdischen Lebens dieser Zeit konfrontiert sieht. Man trifft auf orthodoxe Juden, zumeist aus Osteuropa zugewandert, die sich in schier endloser Debatte über die korrekte Durchführung der Sabbats- Pflichten ergehen, auf assimilierte Berliner Juden, die nur dem Papier nach einer anderen Religionsgemeinschaft als der christlichen angehören und dies durch die selbstgewählte Bezeichnung als mosaische Konfession zum Ausdruck bringen, oder auf begeisterte Zionisten, die dem Ruf eines gewissen Dr. Herzl nach Basel Folge leisten wollen und von einer Rückkehr aller Juden nach Palästina träumen. Gemeinsam mit Heinz staunt man ob dieser Vielfalt und fragt sich verwundert, wie es nur möglich sein kann, alle diese Menschen unter einen Oberbegriff zu subsumieren, wie es doch wiederum die meisten von ihnen so selbstbewusst tun.

Doch die Perspektive dieses Buches verbleibt nicht auf diesem recht simplen Familien- und Generationenkonflikt der Familie Levsen verhaftet, sondern weitet sich die gesamte Geschichte über: Immer neue Figuren betreten die Bühne und verlassen sie auch schnell wieder, während die Erzählperspektive Gronemanns mindestens genauso schnell wechselt. Die verschiedenen Gruppen der jüdischen Welt werden nicht nur vorgestellt, nein, sie sprechen selbst. Gronemann erzählt aus ihrer Perspektive. Eine eigentliche Hauptfigur fehlt in diesem wilden Wirrwarr gänzlich. Stattdessen zeichnet der Autor ein wahrlich breites Panorama und springt in atemberaubenden Tempo zwischen den verschiedensten Figuren hin und her.

Da ist der gerissene Geschäftsmann Klatzke, der passgenaue Bettelbriefe schreibt, um das religiöse Pflichtbewusstsein der Berliner Juden zu seinem Vorteil nutzen zu können. Oder der paternalistische evangelische Pastor Bode, von Nächstenliebe so erfüllt, dass er zur Judenmission nach Russland aufbricht. Dort wiederum erlebt er ein ihm völlig fremdes, orthodoxes Judentum, das in seinen jahrhundertealten Traditionen abgekapselt vom Rest der Bevölkerung lebt. Den naiven Bekehrungsversuchen Bodes widerstehen sie mit Leichtigkeit. Orthodoxie herrscht jedoch nicht nur beim Judentum in dieser Gegend vor, sondern auch, wie Bode schnell und mit abnehmender Skepsis feststellen muss, bei der christlichen Bevölkerung und sogar in den Herrschaftszirkeln der russischen Kleinstadt, die ihren wahnhaften Antisemitismus mit Gerüchten über rituelle Kindsmorde pflegen und regelmäßig zum gewaltsamen Pogrom schreiten. Antisemitismus ist schließlich auch in Berlin ein Thema, wo sich die stillen Antisemiten der feinen Kreise in gesellschaftlicher Ächtung der Juden üben und ihre lauteren Gesinnungsgenossen eine treffenderweise Posaune genannte Hetzzeitung nutzen, um ihre kruden Theorien in die Welt zu trompeten.

Mitten hinein in dieses irritierende Gewirr aus verschiedensten religiösen Auslegungen, politischen Auseinandersetzungen und Identitätskonflikten wirft Gronemann seine Leser und diesen bleibt nur zu staunen ob des Facettenreichtums einer längst vergessenen Zeit. Es ist diese faszinierende Multiperspektivität in Kombination mit dem titelgebenden Tohuwabohu der Personenkonstellationen, aus der die Geschichte ihren Reiz zieht. Gelegentlich bleiben die Figuren zwar durch die rasanten Wechsel etwas holzschnittartig, gar oberflächlich, doch sind sie gleichsam gezielt und zumeist treffend überzeichnet, was wiederum Kernstück dieses doch eher auf bildende Unterhaltung als auf tiefgehende Information zielenden Buches ist. Vielleicht würde eine genauere Zeichnung der Personen jedoch das rasche Fortschreiten der Geschichte verlangsamen und diese so ihrer Dynamik und ihres Charmes berauben, was schade wäre, denn Tohuwabohu ist exzellente, kurzweilige Unterhaltung.

Unterhaltung ist ohnehin ein bedeutender Faktor bei der Lektüre dieses Buches. Zwar sind einige der beschriebenen Szenen geradezu urkomisch und die gesamte Geschichte vom feinen Witz des Autors durchzogen, der seine liebevoll gezeichneten Figuren in immer wieder neuen Konstellationen gegenüberstellt und aus den sich so ergebenen Unterschieden und Diskussionen vorzüglich Komik zu entwickeln versteht. In den Auseinandersetzungen moderner, liberaler Juden, ihrer orthodoxen Glaubensgenossen, radikaler und weniger radikaler Antisemiten, christlicher Spießbürger, zionistischer Visionäre und vieler anderer Gruppen ergeben sich teils herrlich absurde Szenen. Allerdings muss dem nachgeborenen Leser auch schmerzlich bewusst sein, dass die Leichtigkeit, mit der hier über die großen Kontroversen des modernen Judentums berichtet wird, und vor allem diese reichhaltige, diverse Welt des europäischen Judentums selbst in dieser Form vernichtet worden ist. Es stimmt traurig, die vielstimmige aber dennoch stets hoffnungsvolle Zukunftsperspektive dieses Romans des Jahres 1920 mit den in der Realität folgenden dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte zu kontrastieren. Bitter stößt einem zudem auf, dass auch Gronemann, der Antisemitismus und Pogromstimmung auch in seiner Erzählung sicherlich nicht verschweigt, sich letztlich doch als Anhänger der zivilisierenden Wirkung der westeuropäischen Kultur zeigt. Antisemitische Hetze und gesellschaftliche Ächtung seien eine Sache, so lässt er eine seiner Figuren sinngemäß sagen, aber gewaltsame Pogrome gegen Juden könne man sich höchstens in Russland, nicht aber in Berlin vorstellen. Wie sehr er sich täuschen sollte.

Dennoch überwiegt am Ende der Spaß an der Lektüre dieses rasanten Buches, welches sich ebenso rasant lesen lässt, denn es fesselt nicht nur mit seinem Witz, seinem Tempo und seinen Figuren, sondern auch mit dem Reiz des Unbekannten und Vergangenen, wenn es einen in die vielschichtige Welt des jüdischen Berlin dieser Tage mitnimmt und scheinbar nebenbei allerhand Wundersames und Faszinierendes zu Tage fördert. So ist Tohuwabohu letztlich etwas, das man selten findet, ein komischer Bildungsroman, der es versteht, weder in trockene Beschreibungen, noch in allzu klamaukige Lacher abzurutschen. Ein Buch, dessen Lektüre doppelt lohnt.

 

Samuel Gronemann: Tohuwabohu, Welt-Verlag, Berlin 1920.